Ein Tierschutzhund kommt, aber anders als erwartet!

 

In Athen habe ich unsere neue Familienhündin abgeholt. Es dauerte mir einfach zu lange Flugpaten zu finden. Es war November, also keine Reisezeit.

Erin, eine Geka-Mix Hündin, wunderschön. Sie sollte eine Kameradin für unsere ungarische Tierschutzhündin Galoca werden. Beide waren damals 1,5 Jahre alt. Gemeinsames Spielen und Blödsinn machen, das wollten wir.

Was ich von ihr wusste, sie sei sensibel, als Welpe schon von der Straße geholt, über 1 Jahr in einer griechischen Hundepension, in einem Gehege zusammen mit ihrem Bruder Enzo und der Hündin Anna, lebte dort völlig isoliert von der Zivilisation, kannte nur ihre Pflegerin.

Schon in Griechenland bei der Übergabe sah ich, die Kleine hatte fürchterliche Angst. In Deutschland am Flughafen wollte sie gar nicht aus der Box.

Und dann begann das panikartige Leben unserer kleinen Griechin. Es war nicht nur der Schock, verursacht durch eine komplette Änderung aller Komponenten, sondern wohl auch die völlige Aufgabe ihres ruhigen und sicheren Lebens. Nein, Erin war und ist immer noch eine Angsthündin.

Erfahrung mit komplizierten Hunden hatte ich, adoptierten wir doch schon immer Tierschutzhunde. Die Hundesprache war mir nicht fremd, dennoch besorgte ich mir sofort mehrere Bücher über die Ursache der Angst sowie eine mögliche Therapie.

Wir waren eine 5-köpfige Familie, mit 3 großen Männern. Welch Blick, als Erin diese riesigen Gestalten sah. Gleich am ersten Abend schnappte sie meinem Mann ins Bein, er saß gerade gemütlich am Tisch beim Abendessen. Ihr war die gemeinsame Menschenrunde einfach zu viel. Ansonsten versteckte sie sich in ihrem Nest, welches wir ihr in einer Ecke hinter einem Containertisch aufbauten. Was für ein jämmerliches Bild, diese kleine, zarte Maus in die Ecke gedrückt, immer noch in ihrem Sicherheitsgeschirr.  Kamen wir ihr zu nahe, fing sie an zu bellen, dass wir sofort wieder Leine ziehen sollen. Auch unsere Hündin konnte keine Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Als Galoca sie zum Spiel aufforderte, wurde sie kurz und schmerzreich in die Schnauze gebissen.

Uns wurde klar, hier haben wir eine riesige Aufgabe vor uns. Ein lässiges Leben mit Hund, das war erst mal nicht mehr möglich. Besuch zu empfangen, auch dies war ein Problem. Aber in einem waren wir uns einig, wir werden alle daran arbeiten, sie ist unser neues Familienmitglied. Und wir wollten aus ihr einen glücklichen Hund machen.

Unsere erste Aufgabe war, Erin nach draußen zu bringen, um ihr zu zeigen, dass sie im Garten Pipi machen kann. Ich konnte sie nach einem Tag anfassen. Im Garten war ihre Panik jedoch so groß, dass sie nur versuchte, sich unter die Büsche zu verkriechen. Ansonsten fand sie alles wieder Horror. An Pipimachen im Freien war gar nicht zu denken. Nur im Haus war es ihr möglich, wenn wir alle weg waren. Aber was soll`s, für was hat man einen pflegeleichten Fußboden.

Schnell stellten wir fest, dass sie unheimlich verfressen war. Also, das Leckerli-Spiel konnte beginnen. Wir wollten und konnten sie nicht schonen, hatten wir doch noch eine Hündin, die ihre Ansprüche und Gewohnheiten hatte, jeden Tag mehrere Stunden im Wald spazieren zu gehen. So wurde Erin mit Doppelsicherung und 3-fach-Geschirr Richtung Wald geführt, oder besser gesagt, vorsichtig mit uns gezogen. Vorbei an Autos, Menschen, Straßenkehrmaschinen, Fahrrädern, schreienden Kindern, Müllwagen. In ihr herrschte jedes Mal die pure Panik. Leckerlis waren nicht mehr interessant. Flucht war angesagt. Doch nach ein paar Tagen konnte sie sich im Wald etwas entspannen. Und schon klappte es mit Pippi machen. Kamen Menschen, trat die Panik wieder ein. So entschieden wir zu Zeiten unterwegs zu sein, zu welchen wir nicht allzu viele Leute trafen. Und es funktionierte jeden Tag besser. Natürlich kam alle paar Tage die Situation, dass man die Runde machte, aber wehe, ein unbekanntes Geräusch, dann ging nichts mehr. Oder es lag ein Stück Papier auf der Straße oder nach Neu Jahr eine leere Flasche auf dem Gehweg.

Nach und nach wurde auch die Beziehung Galoca und Erin stabiler. Galoca wurde zur Leithündin für Erin. Das merkten wir, als Galoca eines Nachmittags für mehrere Stunden zum Training ging und Erin unsicher und nervös zu Hause bleiben musste. Sie saß auf ihrem Platz und fing an zu weinen.

Tag für Tag wurde es besser. Meine Tochter konnte sie inzwischen auch streicheln, mein großer Sohn war plötzlich die große Liebe von ihr. Lediglich mein Mann sowie mein jüngerer Sohn durften sie nicht anfassen, eigentlich auch nicht in ihre Nähe kommen.

Ansonsten war für sie alles noch Stress. Autos die auf der Straße fuhren, Menschenstimmen aus den anderen Gärten, unsere Türklingel, oder wenn einer von uns nach Hause kam, Besuch war gar nicht möglich. Jedoch fand sie bald eine Möglichkeit ihren Angststress im Haus abzubauen. Sie lief ihre Entspannungsrunde um  ein Ergometer im EG. Anschließend konnte sie sich auf ihr Plätzchen in der Ecke legen.

Nach ein paar Wochen stellte ich sie beim Hundeverein vor. Ich wollte mit ihr auf dem Platz arbeiten. Sie sollte sehen, dass Menschen nicht gefährlich sind, sie sollte andere Hunde wahrnehmen, die nicht auf sie zukamen. Auf dem Hundeplatz sah man mich entsetzt an. Was  wollte ich mit solch einer panischen Hündin. Also setzte sich einer von uns mit ihr vor den Trainingsplatz um Galoca beim Training zuzusehen. Wie war es hart für Erin, dass sie nicht zu Galoca durfte. Sie heulte in den höchsten Tönen. Also beschlossen wir, das nächste Mal ist Erin mit auf dem Platz. Und welch ein Wunder. Sie liebte das Training – Unterordnung, Rennen, durch Kriechtunnel durch, über Balken laufen, Slalom zu rennen. Sie bekam immer mehr Selbstvertrauen. Nach 6 Monaten und viel Training wagten wir es, sie im Wald, Hundeauslaufgebiet, von der Leine zu lassen. Und es klappte. Ab dem Moment waren Galoca und Erin draußen das Doppelpack. Beide Jagdhunde und beide abrufbar. Es war eine Freude den beiden zuzusehen.

Unser erster Meilenstein war geschafft.

Nach 9 Monaten wagten wir es mit ihr in den Urlaub zu fahren. Und sie meisterte es toll. Für sie war es interessant Neues kennen zu lernen. Sie liebte das Meer, die Wellen, auch mit den Menschen hatte sie dort keine Probleme.

Der nächste Meilenstein eines Hundelebens in einer Familie.

2 Meilensteine hatten wir noch vor uns.

Erin spielte immer noch nicht mit Galoca, sie hatte Angst. Und Erin ließ sich immer noch nicht von meinem Mann und meinem jüngeren Sohn anfassen.

Weitere Wünsche hatten wir damals  nicht, denn wir wussten, sie wird immer ein Angsthund bleiben.

Nachdem Erin 1 Jahr bei uns war beschlossen wir einen Pflegehund aufzunehmen. Die Not war und ist einfach zu groß. Wir sind 5 Personen, alle erfahren mit Hunden, warum nicht?  Also bewarben wir uns für einen Hund, wieder aus der gleichen Pension in Griechenland. Wieder im November kam Kerberos, ein riesengroßer Rüde. Auch er war ein Angsthund, jedoch anderer Art. Er  ließ sich gleich von allen in der Familie streicheln und liebte es ganz innig zu kuscheln.

Dies war die große Wende für Erin. Wollte sie doch nicht die Letzte im Rudel sein. Wie auf einen Knopf gedrückt kuschelte sie plötzlich mit meinem Mann und meinem 2. Sohn, spielte wie eine Verrückte mit Galoca im Garten. Wenn man das heute noch Garten nennen kann. Eigentlich ist es jetzt eine Hunderennbahn. Inzwischen läuft Erin im Haus die offenen Treppen, fordert uns zum Spiel auf, kuschelt, ist immer mit dabei. Bei jeder Möglichkeit wird sie von der Leine gelassen.Sie liebt es Menschen zu treffen, mit großen Hundegruppen spazieren zu gehen, jeden Tag etwas Neues zu sehen, nachts Ausflüge zu machen. Und jeden Tag macht sie noch einen Schritt nach vorn.

Man sieht ihr an, sie ist glücklich, zufrieden und ist in unserer Familie angekommen.

Natürlich wird sie immer eine Angsthündin bleiben, die bei jeder Schreck Situation in sich zusammenfällt, auf die man immer ein Auge haben muss. Die man zuerst an die Leine nimmt, wenn Besuch kommt.

Aber es ist wundervoll mit ihr zusammenzuleben. Jetzt ist sie 2 Jahre in unserer Familie. Klar, wir mussten unser Leben anfangs völlig umstellen.

Aber wir alle haben selbst viel gelernt durch unsere wundervolle Angsthündin.

Vor allem eins, mit viel Ruhe und Geduld kommt man doch schnell ans Ziel.